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Donnerstag, Juni 17, 2021

Der VfL stürzt den Spitzenreiter!

Der VfL startet mit einem verdienten 2:1-Sieg beim Spitzenreiter Holstein Kiel ins neue Jahr und wusste während der gesamten 90 Minuten auch spielerisch zu gefallen. Es war vielleicht das beste Spiel in der laufenden Saison und kam nach der letzten Niederlagenserie genau zum richtigen Zeitpunkt.

Kurze private Erklärung vorweg: Ich habe anderthalb Jahre für das Online-Magazin Hasepost gearbeitet und, was meine VfL-Berichterstattung betraf, verlief die Arbeit unproblematisch und fair. Letztendlich habe ich die Zusammenarbeit dennoch beenden müssen, da ich mich mit der politischen Ausrichtung der Hasepost, wie sie sich in den hausgemachten Artikeln und Kommentaren widerspiegelt, nicht im Geringsten identifizieren kann. Dieser absurde Kommentar vom 28.12.20 brachte bei mir das Fass endgültig zum Überlaufen: Ich habe schlichtweg keine Lust mehr, dass mein Name auch nur einen Tag länger mit der Hasepost und deren politischen Ausrichtung in Verbindung gebracht wird.

Ich werde dieses Jahr unfassbare 70 Jahre alt und will meine restliche Lebenszeit (heutiger Stand: 17,4 Jahre) sinnvoller nutzen. Die (Neu)-Gründung der Osnabrücker Rundschau mit befreundeten Journalist_innen, Autor_innen und Fotograf_innen ist ein konsequenter Schritt in eine Richtung, die mir in jeder Hinsicht behagt.

Vor dem Spiel

Vor jedem Spiel erwarte ihn und die Mannschaft ein hartes Stück Arbeit, meinte Marco Grote auf der PK am 1.1.21 um 10.30 Uhr morgens in Hinblick auf das heutige Spiel, dennoch wolle man auch Holstein Kiel auf Augenhöhe begegnen, um dort etwas mitzunehmen.

Gugganig sieht in der so gut wie nicht vorhandenen Winterpause kein Problem, da man schon seit Langem darauf vorbereitet sei, und er hofft, ergebnistechnisch in Zukunft vieles besser machen zu können als in jüngster Vergangenheit.
Ajdini und Klaas sind Langzeitverletzte, wobei Maurice Trapp ohnehin wegen seiner Rotsperre ausfällt, wie dessen Ausfall kompensiert werden soll, sei noch offen. Christian Santos, Luc Ihorst und Marc Heider hat die etwas längere Pause offenbart gut getan, denn alle drei scheinen ihre Verletzungen auskuriert zu haben.

Der VfL gleich mit einigen Veränderungen: Im Vergleich zum Pokalspiel in Köln stehen für Henning, Taffertshofer, Multhaup und den rotgesperrten Trapp heute Engel, Schmidt, Blacha und Reis in der Startelf.
Bei Kiel sind Serra für Hauptmann und Mees für Reese im Vergleich zum 2:0-Sieg in Sandhausen auf dem Platz.

Beginn …

Schiedsrichter Osmers aus Hannover pfeift pünktlich um 13.30 die Partie an. Anstoß haben bei bedecktem Himmel um die vier Grad die in blau-weiß-roter Trikolorekluft angetretenen Kieler Störche.
Kiel bestimmt in den Anfangsminuten recht unaufgeregt das Spiel und kommt in der 8. Minute zur ersten Chance: Bartels spielt auf der linken Seite auf van den Bergh zurück und dessen präzise Flanke wird von Serra mit dem Kopf links neben das Tor gesetzt.
Wenig Später eine Konter des VfL: Amenyido setzt Kerk ein, der vom linken Strafraumrand flach abzieht, aber Gelios kann mit einer Glanzparade klären. Im Gegenzug köpft Bartels über das Osnabrücker Tor…

Der VfL kommt immer besser ins Spiel

Nach der Anfangsviertelstunde kommt der VfL immer besser ins Spiel.
In der 22. Minute ein Superangriff des VfL: Nach einem gelungenen Doppelpass spielt Engel einen langen Ball auf Blacha, der auf der rechten Seite auf Kerk zurückspielt, der sofort auf Strafraumhöhe abzieht. Gelios kann klären.
In der 27. Minute ein zweiter Traumangriff des VfL: Santos flankt von links vor den Kieler Strafraum, Kerk legt mit der Brust auf Reis ab, der den Ball auf den besser stehenden Schmidt weiterlaufen lässt und dessen Rechtsschuss landet unhaltbar unten rechts im Kieler Tor. Es steht 1:0 für den VfL und das nicht einmal unverdient …
In der 36. Minute wird der agile Amenyido am linken Strafraumrand gefoult, aber der Schiri lässt weiterspielen.
In der 41. gibt es dann nach einem Gelboul an Amenyido einen Freistoß aus gut 25 Metern. VfL-Spezialist Kerk tritt an und man ahnt es schon beim Anlauf: Die Kugel geht rein! Der Ball fliegt erst nach links, dreht dann nach rechts ab und landet tatsächlich unhaltbar oben rechts im Winkel. Die Floskel „Tor des Monats“ muss wieder einmal herhalten. Es steht 2:0 für den VfL!

Halbzeitfazit:

Die Führung des VfL geht in Ordnung. Die Lila-Weißen wurden im Verlauf des Spiels immer stärker, standen hinten gut und fuhren eindeutig die gefährlicheren Angriffe. Am beeindruckendsten aber war der auch spielerisch sehr starke Auftritt des VfL.

Tipp: Die Halbzeitgedanken, eine Melange aus Hintergrundinformation und Kommentar, erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Sie fallen hin und wieder recht knapp, manchmal aber auch sehr ausführlich aus. Wem das Lesen der Halbzeitgedanken zu mühselig ist: Ganz einfach weiter nach unten scrollen, dort geht es dann mit dem aktuellen Spielbericht weiter.

Halbzeitgedanken:
Die Kieler Sportvereinigung Holstein von 1900 e. V. (KSV Holstein), bekannter als Holstein Kiel, hat etwa 2.700 Mitglieder. Die erste Mannschaft der Fußballabteilung gehörte wie die des VfL bis zur Einführung der Bundesliga 1963 jeweils der höchsten deutschen Spielklasse an. Holstein Kiel wurde 1912 sogar Deutscher Meister und holte 1910 und 1930 die Vizemeisterschaft. Das Holstein-Stadion ist eins der ältesten Stadien Deutschlands. Auf Wikipedia gibt es neben Informationen wunderbare Fotos aus der Frühzeit zu sehen.

Noch mehr Halbzeitgedanken:
Kiel ist mit knapp 250.000 Einwohnern die nördlichste Großstadt Deutschland – nein, Flensburg ist es nicht, da dort 10.000 Einwohner zu wenig wohnen, um Kiel diesen Rang streitig machen zu können, dafür ist Flensburg zweifellos die sehr viel schönere Stadt. Bei der Wahl zur Kieler Ratsversammlung 2018 wählten 94,1 Prozent demokratische Parteien, von den 59 Plätzen gingen somit nur drei an die AfD. Oberbürgermeister ist seit April 2014 Ulf Kämpfer von der SPD.
Im Kieler Landesparlament regiert übrigens bereits seit 2017 eine Jamaika-Koalition.

Abwegige Halbzeitgedanken:
Mit Kiel verbinde ich viele Auftrittsorte, angefangen bei der Pumpe, entsprechend unserer Lagerhalle, über die Traumfabrik, der Kieler Woche bis hin zur Ostseehalle, in der die Handballmannschaft des THW Kiel – seit Jahrzehnten als großer Konkurrent zum Fußball – ihre Heimspiele vor Corona vor gut 10.000 Zuschauern austrug.

Früher trug der NDR das “NDR-Hörfest” aus, bei dem Rockbands und Musiktheatergruppen ausgezeichnet wurden. Im August 1987 – also vor 32 Jahren – saß ich unter anderem mit Ortwin Löwa, einem meiner engsten Freunde aus meiner Hamburger Zeit, der leider am 10. März dieses Jahres verstorben ist, am ersten Tag mit in der Jury. Am Ende gewann eine quicklebendige, extrem unterhaltsame Gruppe namens Die angefahrenen Schulkinder und ich erinnere mich an folgenden Dialog:
“Woher sind die überhaupt?”, fragte ich Ortwin.
“Kennst du die nicht?”, antwortete er verwundert. “Die sind aus deiner alten Heimat, Kalla …”
“A watt …”
“Ja, erstaunlich nicht. Wer hätte das gedacht?”
“Was denn?”, hakte ich nach.
“Na, dass auch Gutes aus Osnabrück kommen kann …”
Ich vermisse Ortwin sehr.

Noch abwegigere Halbzeitgedanken:
Die spare ich mir heute lieber für das Rückspiel auf, denn wie ich Mitte der 90er sturzbesoffen versehentlich einen Streit in Brösels Stammkneipe zwischen zwei Rockergruppen schlichtete, bedarf doch genauerer Erklärungen und Aussagen von Zeitzeugen. Und warum ich einst einen Tag mit den Hooters in der Traumfabrik verbracht habe und mit Knuth Kiesewetter und Dieter Hildebrandt in der Ostseehalle aufgetreten bin, dafür gibt es bestimmt noch Begegnungen in kommenden Spielzeiten, wenn die Kieler nicht aufsteigen sollten.

Beide Teams wechseln zur zweiten Hälfte …

… auf Osnabrücker Seite kommt Multhaup für Engel ins Spiel und bei den Kielern Reese für Mees. Zunächst ist die zweite Hälfte ein Spiegelbild des ersten Durchgangs. Kiel startet gefällige Angriffe, die aber allesamt von der VfL-Abwehr abgefangen werden.
In der 51. Minute dann eine etwas gefährlicher Gelegenheit für Holstein: Dehm flankt nach einer kurz ausgeführten Ecke in den Osnabrücker Strafraum, wo Serra den Ball aufs Tor köpft, den Kühn aber sicher pariert.
Die größte Chance hat dann wenig später der VfL: Amenyido spielt von links direkt auf Kerk, der aus 12 Metern sofort abzieht, aber Gelios ist wieder einmal auf dem Posten.

Nach gut 60 Minuten kommt Girth ins Spiel …

… und zwar für Mühling, um die Offensive zu stärken. Ehrlich gesagt, habe ich mich erst etwas gewundert, da ich gar nicht mitbekommen habe, dass er auf der Bank saß. Der VfL bekommt das Spiel immer besser in den Griff. Wie schon im ersten Durchgang kommen die Kieler mit dem Stellungsspiel und den großartig herausgespielten Angriffen der Osnabrücker überhaupt nicht klar. In der 71. Minute wird im Kölner Keller ein vermeintliches Handspiel von Beermann geprüft, der Elmeterpfiff bleibt zum Glück aus. Wenig später leitet Reis auf engstem Raum auf Santos weiter, aber Gelios ist eher am Ball. In den letzten zehn Minuten drehen die Kieler unter dem Motto „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ noch mal auf, doch kommt es lediglich in der 93. Minute zum 1:2-Anschlusstreffer, ausgerechnet durch den zweiten Ex-Osnabrücker Arslan.

Fazit:

Der VfL startet mit einem hochverdienten 2:1-Sieg beim Spitzenreiter Holstein Kiel ins neue Jahr und wusste während der gesamten 90 Minuten auch spielerisch zu gefallen. Es war vielleicht das beste Spiel in der laufenden Saison und kam nach der letzten Niederlagenserie genau zum richtigen Zeitpunkt. Nächste Woche geht es dann an der Brücke weiter gegen das Schlusslicht Würzburger Kickers.

ZAHLEN | DATEN | FAKTEN

Zuschauer: keine
Tore: 0:1 Schmidt (27.), 0:2 Kerk (42.), 1:2 Arslan (93.)
Gelbe Karten: (40.) Thesker

Holstein Kiel:
Gelios – Dehm (75. Porath), Wahl, Thesker, van den Bergh – Mühling (64. Girth), Meffert. J.-S. Lee – Bartels (85. Arslan), Serra, Mees (46. Reese)
Trainer: Ole Werner

VfL Osnabrück:
Kühn – Engel (46. Multhaup), Gugganig, Beermann, Wolze – Blacha , Reis – Amenyido (89. Ihorst), Kerk (82. Susac), Schmidt (73. Henning) – Santos (82. Heider)
Trainer: Marco Grote

Schiedsrichter: Harm Osmers (Hannover)

Statistik:
Insgesamt trafen die beiden Clubs seit dem 9. November 1947 88-mal in Pflichtspielen. aufeinander Der VfL gewann 43-mal, die Kieler 31-mal und 14 Partien endeten unentschieden.
Hier geht es zur kompletten Statistik von weltfussball.de“.

Tabellarisches:
Vor diesem Spiel stand der VfL mit einer Durchschnittsnote von 3,60 nach wie vor auf dem dritten Platz der Kicker-Formtabelle, die Kieler mit der Note 3,30 auf Platz drei. Tatsächlich spielte der VfL als Neunter des dreizehnten Spieltags gegen den Tabellenführer.

 

Über den Autor

Kalla Wefels Saisonrückblick 2019/20 erschien im aufwändigen A-4-Format und ist unter anderem bei Bücher Wenner erhältlich. Dietrich Schulze-Marmeling schreibt in seinem Vorwort: “Herausgekommen ist ein großartiges Saisonbuch. Eigentlich ist es weit mehr als das …” Um die Spielberichte herum ranken sich Reportagen, “Halbzeitgedanken”, Hintergrundberichte, Fankommentare und Kolumnen.
160 Seiten A-4-Format / 12,00 €

Kalla saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war.

Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär. Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. 
Mit „Der VfL in der Saison 2019/20“ hat er ein neues Format entwickelt, das von nun an jährlich erscheinen soll. Seit über fast fünfzig Jahren arbeitet er professionell als Journalist und Buchautor sowie als Kabarettist und Musiker.

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